Wie eine junge Frau in die rechte Szene rutschte —
und wie sie wieder rauskam
Lisa H., geboren 1994 in Köln. Sie hat eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau gemacht und ist Mutter von drei Kindern.
Die Silvesternacht in Köln 2015/16 hat sie stark mitgenommen. Dann kamen die Ausschreitungen in Chemnitz 2018 dazu. Beides waren echte Ereignisse — aber die rechte Szene hat sie gezielt genutzt, um Leute wie Lisa zu radikalisieren.
Ab April 2018 hat sie Videos hochgeladen — fremdenfeindlich, islamkritisch. Rund 2 Millionen Aufrufe und 45.000 Abonnenten. Der Kanal lief bis 2020.
Lisa ist kein Einzelfall. In rechten Netzwerken werden junge Frauen oft bewusst aufgebaut — weil sie sympathischer wirken und mehr Leute ansprechen als ältere Männer.
Bis Juni 2019 war sie Mitglied der Identitären Bewegung. Sie hat Demos gefilmt und sogenannte „Undercover-Reportagen" für die Szene produziert.
Als Mutter von drei Kindern passte sie perfekt ins rechte Frauenbild. Das war kein Zufall — die Szene hat das bewusst ausgenutzt.
2019 wurde sie sogar zur AfD-Medienkonferenz „Freie Medien" in den Bundestag eingeladen. Das hat sie in der Szene noch bekannter gemacht.
Oliver Flesch ist ein rechter YouTuber und Blogger, der zeitweise auf Mallorca gelebt hat. Er hat Lisa öffentlich das „schöne Gesicht" der Szene genannt und ihr sein Netzwerk zur Verfügung gestellt.
In der Doku sieht man, wie Flesch betrunken vor laufender Kamera rassistische Sachen sagt — ohne jede Hemmung. Lisa sagt selbst, dass ihr das gezeigt hat, mit was für Leuten sie sich umgeben hat.
Flesch ist kein Einzelfall. In der rechten Szene gibt es oft ältere Männer, die junge Frauen aufbauen und deren Reichweite für sich nutzen.
Für Lisa war er am Anfang jemand, der ihr Aufmerksamkeit und ein Gefühl von Zugehörigkeit gegeben hat — genau das, was viele in solche Kreise zieht.
ProSieben-Reporter Thilo Mischke begleitet Lisa. Auf der Konferenz hört sie dann offen fremdenfeindliche und frauenfeindliche Aussagen — von Leuten, die sie eigentlich als Verbündete gesehen hat.
Lisa bricht vor der Kamera in Tränen aus. Das wirkt nicht gespielt — sie merkt in diesem Moment, dass die Szene ganz anders ist als sie dachte.
„Erst hier habe ich begriffen, wie rassistisch die AfD wirklich ist."
Kurze Erklärung: Die AfD-Konferenz von 2019 (Folie 3) und der Wendepunkt in der Doku 2020 sind zwei verschiedene Ereignisse. Die Doku hat sie 2020 nochmal begleitet — kurz vor der Ausstrahlung.
Oft braucht es genau so einen konkreten Moment, damit Leute anfangen umzudenken — wenn das, was man sich vorgestellt hat, und die Realität nicht mehr zusammenpassen.
Lisa wird als Lockvogel eingesetzt. Das ProSieben-Team filmt heimlich ein Gespräch mit AfD-Pressesprecher Christian Lüth.
„Migranten seien gut für die AfD — wir können die nachher immer noch alle erschießen oder vergasen."
Lüth wird direkt nach der Ausstrahlung entlassen. Der Fall geht durch alle Medien — und wird als mögliche Volksverhetzung eingestuft.
Diese Szene ist der wichtigste Moment der ganzen Doku. Sie zeigt, was hinter den Kulissen in der AfD gedacht wird.
Für Lisa ist das auch persönlich ein Schlag. Sie hat sich selbst nie als Nazis gesehen — aber spätestens hier wird klar, mit wem sie sich umgeben hat.
Die Doku wird ausgestrahlt. Lisa erklärt öffentlich, dass sie aussteigen will. Ihr Netzwerk kommt zum ersten Mal groß in die Medien.
Sie wird durch das Aussteigerprogramm EXIT Deutschland begleitet. Das hilft ihr dabei, ein neues soziales Umfeld aufzubauen.
Sie bekommt Morddrohungen — gegen sie und ihre Kinder. So reagiert die Szene auf Leute, die aussteigen.
Ihre Familie bricht den Kontakt ab, ihr Vater meldet sich gar nicht mehr. Der Ausstieg kostet sie nicht nur die Szene, sondern auch ihr privates Umfeld.
Von links kommt Skepsis: Manche glauben nicht, dass der Wandel echt ist — und werfen ihr vor, den Ausstieg für neue Follower zu nutzen.
Sie macht weiter auf YouTube und Twitter — jetzt aber mit pro-demokratischen Inhalten, als Gegengewicht zu den rechten Netzwerken, in denen sie früher aktiv war.
Sie holt ihr Abitur nach und plant ein Soziologiestudium mit Fokus auf Rechtsextremismus.
Sie stellt einen Antrag bei der Linkspartei — der ist intern umstritten, der NRW-Landesverband hat sich dagegen gewehrt. Ausstieg heißt eben nicht, dass man woanders direkt willkommen ist.
Ihr Neuanfang zeigt ein echtes Problem: Wer aussteigt, verliert meistens alles auf einmal — Freunde, Netzwerk, manchmal sogar die Familie. Das macht den Ausstieg so schwer.
Ob Lisas Wandel wirklich echt ist oder ob sie einfach eine neue Rolle gefunden hat — das ist bis heute nicht eindeutig zu sagen.
Die Kernfrage: War Lisa Opfer oder Täterin? Wahrscheinlich beides ein bisschen. Und: Ob ein Ausstieg echt ist, sieht man nicht von heute auf morgen — das braucht Zeit.
Radikalisierung im Internet passiert langsam und schleichend. Oft fängt es mit echten Ereignissen an — die dann von der Szene gezielt ausgenutzt werden.
Frauen werden in rechten Netzwerken bewusst eingesetzt, weil sie sympathischer wirken und mehr Leute erreichen.
Aussteigen ist schwierig und gefährlich. Man verliert die Szene — aber wird auf der anderen Seite auch nicht einfach mit offenen Armen empfangen.