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ProSieben 2020 · „Rechts. Deutsch. Radikal."

Vom rechten
Poster-Girl zur
Aussteigerin

Wie eine junge Frau in die rechte Szene rutschte —
und wie sie wieder rauskam

ThemaRechtsextremismus & Deradikalisierung
Zeitraum2015 – 2021
FormatProSieben-Dokumentation
Übersicht

Inhaltsverzeichnis

01
Wer ist Lisa Licentia?Wer sie ist und wie alles anfing
02
Das „weibliche Gesicht"Wie sie eingesetzt wurde
03
Oliver FleschWer ihr geholfen hat, groß zu werden
04
Die AfD-Konferenz 2020Der Moment, der alles verändert hat
05
Christian LüthDas heimlich aufgenommene Gespräch
06
AusstiegWas nach der Doku passiert ist
07
NeuanfangWas kam danach?
08
EinordnungWar das wirklich echt?
09
FazitWas wir daraus mitnehmen
10
QuellenWo wir das her haben
Hintergrund

Wer ist Lisa Licentia?

Wer ist sie?

Lisa H., geboren 1994 in Köln. Sie hat eine Ausbildung als Einzelhandelskauffrau gemacht und ist Mutter von drei Kindern.

Wie hat das alles angefangen?

Die Silvesternacht in Köln 2015/16 hat sie stark mitgenommen. Dann kamen die Ausschreitungen in Chemnitz 2018 dazu. Beides waren echte Ereignisse — aber die rechte Szene hat sie gezielt genutzt, um Leute wie Lisa zu radikalisieren.

Ihr YouTube-Kanal

Ab April 2018 hat sie Videos hochgeladen — fremdenfeindlich, islamkritisch. Rund 2 Millionen Aufrufe und 45.000 Abonnenten. Der Kanal lief bis 2020.

Lisa ist kein Einzelfall. In rechten Netzwerken werden junge Frauen oft bewusst aufgebaut — weil sie sympathischer wirken und mehr Leute ansprechen als ältere Männer.

Rolle in der Szene

Das „weibliche Gesicht"
der Neuen Rechten

Identitäre Bewegung

Bis Juni 2019 war sie Mitglied der Identitären Bewegung. Sie hat Demos gefilmt und sogenannte „Undercover-Reportagen" für die Szene produziert.

Bewusste Instrumentalisierung

Als Mutter von drei Kindern passte sie perfekt ins rechte Frauenbild. Das war kein Zufall — die Szene hat das bewusst ausgenutzt.

AfD-Medienkonferenz 2019

2019 wurde sie sogar zur AfD-Medienkonferenz „Freie Medien" in den Bundestag eingeladen. Das hat sie in der Szene noch bekannter gemacht.

Netzwerk

Oliver Flesch — Der Förderer

Wer ist Oliver Flesch?

Oliver Flesch ist ein rechter YouTuber und Blogger, der zeitweise auf Mallorca gelebt hat. Er hat Lisa öffentlich das „schöne Gesicht" der Szene genannt und ihr sein Netzwerk zur Verfügung gestellt.

Sein Auftritt in der Doku

In der Doku sieht man, wie Flesch betrunken vor laufender Kamera rassistische Sachen sagt — ohne jede Hemmung. Lisa sagt selbst, dass ihr das gezeigt hat, mit was für Leuten sie sich umgeben hat.

Flesch ist kein Einzelfall. In der rechten Szene gibt es oft ältere Männer, die junge Frauen aufbauen und deren Reichweite für sich nutzen.

Für Lisa war er am Anfang jemand, der ihr Aufmerksamkeit und ein Gefühl von Zugehörigkeit gegeben hat — genau das, was viele in solche Kreise zieht.

Wendepunkt

Die AfD-Konferenz — Sommer 2020

Der Kontext

ProSieben-Reporter Thilo Mischke begleitet Lisa. Auf der Konferenz hört sie dann offen fremdenfeindliche und frauenfeindliche Aussagen — von Leuten, die sie eigentlich als Verbündete gesehen hat.

Der Zusammenbruch

Lisa bricht vor der Kamera in Tränen aus. Das wirkt nicht gespielt — sie merkt in diesem Moment, dass die Szene ganz anders ist als sie dachte.

Die Erkenntnis

„Erst hier habe ich begriffen, wie rassistisch die AfD wirklich ist."

Kurze Erklärung: Die AfD-Konferenz von 2019 (Folie 3) und der Wendepunkt in der Doku 2020 sind zwei verschiedene Ereignisse. Die Doku hat sie 2020 nochmal begleitet — kurz vor der Ausstrahlung.

Oft braucht es genau so einen konkreten Moment, damit Leute anfangen umzudenken — wenn das, was man sich vorgestellt hat, und die Realität nicht mehr zusammenpassen.

Skandal

Christian Lüth — Die Aufnahme

Was geschah?

Lisa wird als Lockvogel eingesetzt. Das ProSieben-Team filmt heimlich ein Gespräch mit AfD-Pressesprecher Christian Lüth.

Lüth wörtlich:

„Migranten seien gut für die AfD — wir können die nachher immer noch alle erschießen oder vergasen."

Konsequenzen

Lüth wird direkt nach der Ausstrahlung entlassen. Der Fall geht durch alle Medien — und wird als mögliche Volksverhetzung eingestuft.

Diese Szene ist der wichtigste Moment der ganzen Doku. Sie zeigt, was hinter den Kulissen in der AfD gedacht wird.

Für Lisa ist das auch persönlich ein Schlag. Sie hat sich selbst nie als Nazis gesehen — aber spätestens hier wird klar, mit wem sie sich umgeben hat.

Ausstieg

Was nach der Doku passiert ist

1

28. September 2020 — Ausstrahlung & öffentlicher Ausstieg

Die Doku wird ausgestrahlt. Lisa erklärt öffentlich, dass sie aussteigen will. Ihr Netzwerk kommt zum ersten Mal groß in die Medien.

2

Anschluss an offizielles Aussteigerprogramm

Sie wird durch das Aussteigerprogramm EXIT Deutschland begleitet. Das hilft ihr dabei, ein neues soziales Umfeld aufzubauen.

3

Hasskampagne der ehemaligen Szene

Sie bekommt Morddrohungen — gegen sie und ihre Kinder. So reagiert die Szene auf Leute, die aussteigen.

4

Familiäre Isolation

Ihre Familie bricht den Kontakt ab, ihr Vater meldet sich gar nicht mehr. Der Ausstieg kostet sie nicht nur die Szene, sondern auch ihr privates Umfeld.

5

Skepsis von links

Von links kommt Skepsis: Manche glauben nicht, dass der Wandel echt ist — und werfen ihr vor, den Ausstieg für neue Follower zu nutzen.

Neuanfang

Was kam danach?

Pro-demokratische Inhalte

Sie macht weiter auf YouTube und Twitter — jetzt aber mit pro-demokratischen Inhalten, als Gegengewicht zu den rechten Netzwerken, in denen sie früher aktiv war.

Bildungsweg

Sie holt ihr Abitur nach und plant ein Soziologiestudium mit Fokus auf Rechtsextremismus.

Linkspartei 2021

Sie stellt einen Antrag bei der Linkspartei — der ist intern umstritten, der NRW-Landesverband hat sich dagegen gewehrt. Ausstieg heißt eben nicht, dass man woanders direkt willkommen ist.

Ihr Neuanfang zeigt ein echtes Problem: Wer aussteigt, verliert meistens alles auf einmal — Freunde, Netzwerk, manchmal sogar die Familie. Das macht den Ausstieg so schwer.

Ob Lisas Wandel wirklich echt ist oder ob sie einfach eine neue Rolle gefunden hat — das ist bis heute nicht eindeutig zu sagen.

Einordnung

War das wirklich echt?

Pro Ausstieg

  • Hat ein Aussteigerprogramm gemacht
  • Hat sich öffentlich von der Szene distanziert
  • Macht jetzt pro-demokratische Inhalte
  • Hat sich öffentlich selbst kritisiert

Kritisch zu hinterfragen

  • Blieb trotzdem online aktiv — hat das alte Publikum weiter bedient
  • Hat versucht, beide Lager gleichzeitig anzusprechen
  • Kann man wirklich so tief drin sein, ohne es zu merken?

Die Kernfrage: War Lisa Opfer oder Täterin? Wahrscheinlich beides ein bisschen. Und: Ob ein Ausstieg echt ist, sieht man nicht von heute auf morgen — das braucht Zeit.

Fazit

Was wir daraus mitnehmen

Radikalisierung

Radikalisierung im Internet passiert langsam und schleichend. Oft fängt es mit echten Ereignissen an — die dann von der Szene gezielt ausgenutzt werden.

Instrumentalisierung

Frauen werden in rechten Netzwerken bewusst eingesetzt, weil sie sympathischer wirken und mehr Leute erreichen.

Ausstieg

Aussteigen ist schwierig und gefährlich. Man verliert die Szene — aber wird auf der anderen Seite auch nicht einfach mit offenen Armen empfangen.

Was schulden Aussteiger*innen der Gesellschaft — und was schuldet die Gesellschaft ihnen?
Quellen

Quellen

Doku ProSieben: „Rechts. Deutsch. Radikal." — ausgestrahlt am 28. September 2020, Reporter: Thilo Mischke
Presse tagesschau.de / Spiegel Online: Berichterstattung zum Fall Christian Lüth & AfD-Pressesprecher-Skandal, September 2020
Forschung Bundesamt für Verfassungsschutz: Berichte zur Identitären Bewegung Deutschland (IBD), 2018–2020
Ausstieg EXIT Deutschland: Konzept und Methodik der Deradikalisierungsarbeit — exit-deutschland.de
Kontext Kleffner, H. / Meisner, M.: „Rückkehr in die Mitte" — Analysen zu Rechtsextremismus und Ausstieg, Herder Verlag 2019